Jürgen Kühn
Psychologe (M.Sc.)
Worum es geht
Selbstliebe klingt nach einem großen Wort. Gemeint ist etwas sehr Schlichtes: sich selbst wohlgesonnen sein. Sich in der eigenen Haut wohlfühlen dürfen, ohne dafür vorher etwas geleistet zu haben. Das wäre der Normalzustand – und bei kleinen Kindern ist er es auch noch.
Bei den meisten Erwachsenen hat sich das zurückentwickelt. Im Laufe des Funktionierens, des Für-alle-da-Seins, des Perfekt-sein-Wollens. Nicht durch eine Entscheidung – niemand beschließt eines Morgens, künftig weniger freundlich mit sich umzugehen. Es passiert nebenbei, über Jahre, in vielen kleinen Portionen.
Und weil es nebenbei passiert, fällt es auch nicht auf. Bemerkt werden nur die Folgen: die Dünnhäutigkeit, die Müdigkeit, das Gefühl, nie ganz zu genügen. Dass all das eine gemeinsame Wurzel haben könnte, kommt den wenigsten in den Sinn.
Sich selbst zu mögen ist keine Leistung. Es ist der Ausgangspunkt.
Erekennen Sie sich wieder?
Von außen sieht fehlende Selbstliebe sehr unterschiedlich aus. Die einen werden durchlässig und nehmen alles mit, die anderen machen dicht und lassen nichts mehr heran. Gemeint ist beide Male dasselbe.
Eher verletzlich · schnell getroffen
Eher kühl · nichts kommt nah
Die beiden Karten sind keine Gegensätze, sondern zwei Oberflächen über demselben Mangel – häufig bei ein und demselben Menschen, je nachdem, wer ihm gegenübersitzt.
Was darunter liegt
Ich glaube, dass die meisten Menschen insgesamt zu wenig Liebe bekommen haben – oder sich selbst zu wenig davon geben. Meist ganz unspektakulär: nicht durch schlimme Ereignisse, sondern durch das, was schlicht ausgeblieben ist. Zuwendung, die nicht selbstverständlich war. Anerkennung, die an Bedingungen hing. Was fehlt, hinterlässt keine Narbe, sondern einen leisen Mangel.
Die erste Folge ist immer dieselbe: Die eigenen Bedürfnisse und Gefühle wandern nach hinten. Wer nie erfahren hat, dass er einfach so zählt, stellt sich hinten an – nicht aus Bescheidenheit, sondern weil es sich richtig anfühlt. Und je länger das gut geht, desto unsichtbarer wird es.
Von dort aus läuft eine Kette, die ich in der Praxis immer wieder sehe: Zu wenig Selbstliebe bedeutet mehr Ängste und mehr Unsicherheit im Kontakt mit anderen – und daraus wird über die Jahre ein mangelndes Selbstwertgefühl. Umgekehrt gilt dasselbe: Wo genug Selbstliebe da ist, wird es leichter, im Hier und Jetzt zu leben und sich seiner selbst sicher zu sein.
Erschwerend kommt hinzu, dass wir versuchen, den Mangel auf der falschen Ebene auszugleichen. Man bringt Dinge im Außen in Ordnung, optimiert, schafft an, arbeitet mehr. Das ist nicht falsch und oft sogar nötig – nur füllt es nichts auf. Und jeder weiß, wie schwer es ist, damit wieder aufzuhören. Verpasst man den Absprung, landet man beim reinen Funktionieren.
Wir sind keine Maschinen. Wir funktionieren nur manchmal wie welche.
Der innere Ton
Gerade in Gedanken gehen die meisten nicht besonders liebevoll mit sich um. Sätze, die man einem guten Freund nie sagen würde, laufen den ganzen Tag über leise mit:
„So wie ich bin, reicht es nicht.“
„Andere haben es viel schwerer.“
„Das steht mir doch gar nicht zu.“
„Wenn das erledigt ist, bin ich dran.“
„Das hätte ich besser machen müssen.“
Jeder dieser Sätze ist ein kleines Training – nur leider in die falsche Richtung. Wer sich jahrelang so zuhört, kann irgendwann gar nicht mehr freundlich mit sich sein, selbst wenn er wollte. Im Gespräch schauen wir uns an, welcher dieser Sätze bei Ihnen läuft, woher er stammt – und was an seine Stelle treten könnte.
Ein Missverständnis
Kaum etwas wird so verlässlich verwechselt wie Selbstliebe und Egoismus. Der Verdacht sitzt tief: Wer gut zu sich selbst ist, nimmt anderen etwas weg. Genau dieser Gedanke verhindert bei vielen den ersten Schritt.
Dabei sind es zwei völlig verschiedene Dinge. Beim echten Egoismus geht man rücksichtslos vor – es ist gleichgültig, welche Bedürfnisse ein anderer hat. Bei echter Selbstliebe möchte man buchstäblich nur eines: sich in seiner Haut wohlfühlen. Und erst als Steigerung daraus entsteht ein Bedürfnis, das dem Egoismus völlig fremd ist – der Wunsch, dass es einem anderen auch so gut gehen möge.
Deshalb steht Selbstliebe nicht in Konkurrenz zur Zuwendung an andere. Sie ist ihre Voraussetzung. Wie soll echte Liebe entstehen, wenn nicht dadurch, dass jemand so viel davon in sich und um sich herum angesammelt hat, dass sie gar nicht anders kann, als überzulaufen? Das gilt für Freundschaften, für Kinder – und ganz besonders für die Partnerschaft.
Und es wirkt nach innen. Wer gut mit sich selbst auskommt, lebt freier und unbeschwerter und ist seelisch deutlich belastbarer. Vieles, was sonst tief trifft, bleibt dann einfach an der Oberfläche.
Eine gute Selbstliebe ist kein Egoismus, sondern etwas ganz Natürliches.
Mein Ansatz
In welcher Reihenfolge und in welchem Tempo wir das angehen, ergibt sich im Gespräch – nicht nach Schema. Eine Übersicht über die Verfahren, mit denen ich arbeite, finden Sie auf der Seite: Meine Methoden.
Ein kleiner Anfang
Wenn Sie möchten, probieren Sie an einem einzigen Tag Folgendes aus: Achten Sie darauf, in welchem Ton Sie innerlich mit sich sprechen. Nicht bewerten, nichts korrigieren – nur bemerken.
Die meisten sind überrascht, wie häufig und wie selbstverständlich dieser Ton unfreundlich ist. Genau dieses Erstaunen ist ein guter Anfang.
Was Sie gewinnen
Und irgendwann ertappen Sie sich dabei, wie Sie etwas nur für sich tun – ohne einen Grund dafür zu brauchen.
Oscar Wilde
Der erste Schritt