Jürgen Kühn
Psychologe (M.Sc.)
Worum es geht
Denken ist eine großartige Fähigkeit. Es löst Aufgaben, ordnet Zusammenhänge, plant voraus. Nur ist es in den letzten Jahrzehnten zu etwas geworden, das kaum noch aufhört – und sich inzwischen auch um Dinge kümmert, bei denen es gar nicht weiterhilft.
Kopflastigkeit heißt: Der Kopf hat die Führung übernommen, auch dort, wo eigentlich das Spüren zuständig wäre. Was tut mir gut? Was brauche ich gerade? Mag ich diesen Menschen? Solche Fragen lassen sich nicht ausrechnen. Sie werden gefühlt – oder sie bleiben unbeantwortet.
Dieses Thema zieht sich durch fast alle Anliegen, mit denen Menschen zu mir kommen. Es ist einer der Schwerpunkte meiner Praxis: sich der eigenen Kopfbetontheit erst einmal bewusst zu werden – und sie dann Schritt für Schritt zurückzunehmen, zugunsten von etwas anderem, das dabei lange zu kurz gekommen ist.
Erekennen Sie sich wieder?
Kopflastigkeit fällt selten als solche auf. Sie wirkt eher wie Gründlichkeit, wie Verantwortungsgefühl, wie Vernunft. Meist zeigt sie sich auf eine von zwei Weisen – oft auf beide.
Nach innen gerichtet · ohne Ausgang
Nach außen gerichtet · sich selbst prüfend
Das sind keine Charakterschwächen, sondern gut geübte Gewohnheiten – und Gewohnheiten lassen sich ändern. Wer viel kreist, hat meist auch gelernt, sich zu beobachten; beides hängt eng zusammen.
Wie es dazu kommt
Niemand kommt kopflastig auf die Welt. Kleine Kinder spüren zuerst und denken später. Dann beginnt das, was wir Bildung nennen: Schule, Noten, Prüfungen, Ausbildung, Beruf. Alles davon trainiert dieselbe Fähigkeit – richtig zu denken. Nichts davon trainiert die andere.
Und da gilt eine schlichte Gesetzmäßigkeit, die man auch vom Körper kennt: Was trainiert wird, wächst. Was nicht trainiert wird, bildet sich zurück. Nach zwanzig, dreißig Jahren dieser Einseitigkeit ist der Kopf hervorragend in Form – und das Hinein-Spüren funktioniert kaum noch. Nicht, weil es verschwunden wäre. Sondern weil es lange keine Gelegenheit mehr hatte.
Dabei melden sich die eigenen Bedürfnisse ununterbrochen: als Müdigkeit, als Unruhe, als leiser Widerwille, als Ziehen im Bauch vor einem Termin. Der Kanal ist da. Er wird nur nicht mehr abgehört – und der Kopf füllt die entstandene Lücke mit dem, was er am besten kann: mit noch mehr Denken. Wie sich diese Wahrnehmung wieder öffnen lässt, beschreibe ich ausführlicher auf der Seite Leben in der Gegenwart.
Was trainiert wird, wächst. Was nicht trainiert wird, bildet sich zurück.
Die Dauerschleife
Kopflastigkeit klingt von innen meist so – und zwar so vertraut, dass man diese Sätze gar nicht mehr als Sätze bemerkt.
„Darf ich das überhaupt?"
„Was könnte alles passieren?"
„Ich schaffe es sowieso nicht."
„Das muss ich jetzt zu Ende denken."
„Was denkt der andere gerade über mich?"
„Erst wenn alles erledigt ist, komme ich dran."
Keiner dieser Sätze löst das, was er zu lösen vorgibt. Sie halten das Denken nur in Gang. Sie zu bemerken, während sie laufen, ist bereits der erste Schritt hinaus.
Ein Thema, drei Wege
In der psychologischen Beratung zeigt sie sich am häufigsten beim Selbstwertgefühl. Denn ein geringer Selbstwert braucht Denkarbeit: „Wie wirke ich?“, „Darf ich das sagen?“, „Was denken die anderen?“ Diese Dauerprüfung erzeugt genau die Unsicherheit, die sie verhindern will – und sie ist nach außen spürbar. Wer stattdessen einfach wahrnimmt, was er braucht, wirkt sicherer, ohne es zu versuchen. Mehr dazu auf der Seite Selbstbewusster werden.
In der Psychotherapie begegnet mir Kopflastigkeit als Denken, das sich festgefahren hat: bei Ängsten als „Was könnte alles passieren?“, bei Niedergeschlagenheit als „Ich schaffe es ohnehin nicht“, bei Burnout als „Erst wenn alles geschafft ist, darf ich an mich denken“. Lässt dieses wiederkehrende Denken nach, zeigt sich die Wirklichkeit meist deutlich milder, als der Kopf sie ausgemalt hat.
Und in der Paar-Einzelberatung geht es fast immer um einen einzigen Zusammenhang: Man kann nicht gleichzeitig denken und empfinden – probieren Sie es ruhig einmal aus. Wer überwiegend im Kopf ist, unterdrückt sein Empfinden also nicht absichtlich, es kommt schlicht nicht zum Zug. Auf Dauer verlernt man dabei etwas, das kaum jemand für lernbar hält: das Lieben. Und weil dann immer weniger gefühlter Inhalt da ist, wird auch das Reden dünner. Das häufigste Paarmuster überhaupt – einer im Kopf, einer im Bauch – hat genau hier seinen Ursprung. Mehr dazu auf der Seite Partnerschaftsberatung.
Das ist keine bloße Praxiserfahrung. Die Selbstwahrnehmung gilt als Grundlage dafür, auch andere Menschen zu verstehen: Je offener jemand für die eigenen Gefühle ist, desto besser kann er die Gefühle anderer deuten. (Vgl. Goleman, Emotionale Intelligenz, 1996, S. 127)
Man kann nicht gleichzeitig denken und empfinden.
Mein Ansatz
Es geht nicht darum, weniger klug zu werden. Es geht um ein Gleichgewicht – darum, dass der Kopf wieder das tut, was er gut kann, und das andere nicht länger mitregelt. Drei Ansatzpunkte haben sich dafür bewährt.
Der erste Schritt ist kein Abstellen, sondern ein Auffallen: „Ah – ich denke gerade wieder.“ Mehr braucht es zunächst nicht. Leben in der Gegenwart
Gedanken, die sich wiederholen, klären nichts mehr. Sie lassen sich anhalten – wenn man weiß, woran man sie erkennt. Stress abbauen
Ein großer Teil des Dauer-Denkens ist Selbstkontrolle. Sie lässt nach, wenn der Ton nach innen wärmer wird. Selbstliebe fördern
Wir arbeiten dabei im Gespräch: Ich gebe Ihnen zurück, was ich wahrnehme – auch dann, wenn Sie es selbst gerade überdenken. Genau an solchen Stellen wird spürbar, was unter dem Denken liegt. Ein Programm gibt es dabei nicht, nur einen Weg, der zu Ihnen passt.
Das Wichtigste zuerst
Es geht nicht gegen den Verstand. Ihr Denkvermögen bleibt Ihnen vollständig erhalten – Sie gewinnen lediglich etwas dazu, das danebengelegen hat.
Und es geht nicht schneller, wenn man sich anstrengt. Das wäre nur wieder Kopfarbeit. Es geht dadurch, dass Sie öfter merken, was gerade passiert.
Was Sie gewinnen
Nicht schlagartig und nicht als große Umstellung. Eher als etwas, das Ihnen irgendwann nebenbei auffällt:
Und irgendwann fällt Ihnen auf, dass es innen gerade still ist – ohne dass Sie etwas dafür getan hätten.
Der erste Schritt
Für dieses Thema braucht es keine Krise – nur den Verdacht, dass es im Kopf zu voll geworden ist. Ein paar Zeilen über das Kontaktformular genügen für die Terminanfrage. Wenn der Weg in die Praxis gerade nicht in Ihren Tag passt, beginnen wir per Telefon oder Video.