Jürgen Kühn
Psychologe (M.Sc.)
Worum es geht
Achtsamkeit ist kein Kurs, den man belegt, und keine Technik, die man beherrscht. Sie ist eine Haltung: dem Moment, in dem Sie gerade sind, zu erlauben, einfach nur da zu sein – und wahrzunehmen, was dabei in Ihnen geschieht.
Das klingt unspektakulär. Und doch verändert es mehr als die meisten Vorsätze. Denn ein großer Teil dessen, was uns belastet, findet gar nicht im Augenblick statt, sondern daneben: in dem, was war, und in dem, was kommen könnte. Wer wieder bemerkt, was jetzt gerade wirklich ist, nimmt vielem davon die Kraft.
Ich halte dieses Thema für eines der wichtigsten überhaupt – nicht weil es gerade viel besprochen wird, sondern weil ich in meiner Praxis immer wieder sehe, wie viel sich löst, sobald jemand wieder spüren kann. Nicht mehr denken. Spüren.
Denken ist nur ein schwacher Ersatz für das lebensnahe Fühlen der Situation.
Erekennen Sie sich wieder?
Der Gegenwart auszuweichen sieht nicht dramatisch aus. Es fällt nicht weiter auf – am wenigsten einem selbst. Meist zeigt es sich auf eine von zwei Weisen.
Eher abwesend · auf Autopilot
Eher abwehrend · auf Abstand
Beide Karten beschreiben keine Charakterfehler, sondern erlernte Schutzgewohnheiten – und sie treten meist gemeinsam auf: Wer wenig bemerkt, muss auch wenig wegdrücken. Beides lässt sich wieder verändern, und zwar leichter, als es sich anfühlt.
Wie es dazu kommt
Wir kommen alle aus derselben Richtung. Erziehung, Schule, Ausbildung, Beruf – überall ging es zuerst darum, sich nach etwas zu richten, das von außen kommt. Nach Erwartungen, Regeln, Noten, Terminen. Das ist nicht falsch, es hat uns weit gebracht. Nur wurde daneben etwas anderes nie geübt: auf das zu hören, was von innen kommt.
Dabei sprechen die eigenen Bedürfnisse ununterbrochen mit uns. Sie melden sich als Müdigkeit, als Unruhe, als leiser Widerwille, als ein Ziehen im Bauch vor einem Termin. Der Kanal ist da. Wir haben nur gelernt, ihn nicht mehr abzuhören.
Und weil der Kopf die Lücke füllt, übernimmt er das Ruder: Er plant, vergleicht, bewertet, sorgt sich. Das ist die Stelle, an der Achtsamkeit und Kopflastigkeit einander begegnen – wie sich ein Dauer-Denken beruhigen lässt, beschreibe ich ausführlicher auf der Seite Kopflastigkeit verringern.
Wir haben gut gelernt zuzuhören. Nur nicht uns selbst.
Die leisen Einwände
Wer beginnt, in sich hineinzuspüren, stößt fast immer zuerst auf Widerstand. Nicht auf ein Gefühl – sondern auf einen Satz, der dazwischengeht.
„Nicht jetzt.“
„Das bringt doch nichts.“
„Ich spüre sowieso nichts.“
„Später, wenn es ruhiger ist.“
„Ich bin einfach nicht der Typ dafür.“
„Dann komme ich ja gar nicht mehr raus.“
Beobachten Sie sich in solchen Momenten einmal ganz ehrlich selbst. Es sind genau diese Sätze, an denen sich zeigt, wie nah man einer Stelle schon gekommen ist.
Der Kern
Wer sich gegen das Hineinspüren wehrt, verbraucht dafür Kraft – dauerhaft und unbemerkt. Das kostet mehr, als die meisten vermuten: Man wird unecht, weil ständig etwas gehalten werden muss, und im Ergebnis schwächer statt stärker.
Umgekehrt liegt echte Stärke gerade darin, die eigenen Gefühle zulassen und spüren zu können – auch die unangenehmen. Erst im Erleben von Angst, Traurigkeit oder Wut wird spürbar, worum es eigentlich geht. Was jahrelang weggedrückt wurde, kann sich zeigen, verstanden werden und an Gewicht verlieren.
Das ist keine bloße Erfahrungsweisheit, sondern gut untersucht: Sich von belastenden Gefühlen zurückzuziehen, sie rein rational wegzuerklären oder direkt zu bekämpfen, hilft in der Regel nicht. Werden sie dagegen beachtet, wahrgenommen und angenommen, schwächen sie sich meist von selbst ab. (Vgl. Galliker, Psychologie der Gefühle und Bedürfnisse, 2009)
Und noch etwas kommt hinzu: Wer zu seinen Gefühlen steht, wirkt nach außen keineswegs schwach, sondern lebendig und echt. Auf solche Menschen geht man lieber zu als auf jene, die alles über den Verstand regeln und dabei immer ein Stück entfernt bleiben.
Das größte Leid entsteht durch inneren Widerstand.
Mein Ansatz
Das Wichtigste zuerst
Achtsamkeit ist keine zusätzliche Aufgabe in einem ohnehin vollen Tag. Sie ist eher eine Art, das zu tun, was Sie sowieso tun – nur mit dem Unterschied, dass Sie dabei anwesend sind.
Und sie braucht keine Anstrengung. Im Gegenteil: Je weniger Sie sich bemühen, etwas erreichen zu wollen, desto eher stellt sie sich ein.
Was Sie gewinnen
Und irgendwann fällt Ihnen mitten am Tag auf, dass Sie gerade wirklich da sind.
Der erste Schritt